Sie will doch nur spielen!

Sie will doch nur spielen!

10.10.2011 22:28

Heute war wieder ein Tag des ganz normalen Wahnsinns. Nachdem meine Ohrmuschel nach unzähligen Dauertelefonaten die Form eines Telefonhörers angenommen hatte und ich mit einem festgefrorenen Lächeln im Gesicht ungefähr tausend unmögliche Kundenwünsche erfüllen durfte, freute ich mich auf den Abend mit einem lieben und anschmiegsamen Kleinkind.

Sicherlich würde mich meine Tochter reichlich dafür entschädigen, dass ich den ganzen Tag ohne Pause durcharbeiten musste und nach Feierabend so abgehetzt beim Bäcker ankam, dass der mir seine leeren Regale zum Schnäppchenpreis anbieten wollte. Ich wollte sie schon nehmen, als mir auffiel, dass ich dann trotzdem nichts zum Beißen hätte.

Und richtig: Lisa begrüßte mich mit einem, mein mütterliches Herz anrührenden, Jauchzer.

„Spielen Mama!“, rief sie mir schon von weitem zu. Diese Worte ließen die Wärme in meinem Herzen allerdings augenblicklich zu Eis gefrieren. Denn „spielen“ hatte was mit Aktivität, Toben, Herumwuseln und Laut sein zu tun. Lauter Attribute mit denen ich heute nichts mehr zu tun haben wollte. Mir war da mehr nach Tee trinken, kuscheln und fernsehen.

„Deine Mutter ist todmüde…“, unternahm ich einen Erklärungsversuch und sank erschöpft auf meine Couch. Aber dieses einfühlsame Kind startete sofort eine Wiederbelebung, indem es mich als Trampolin missbrauchte.
„Was machst du da?“, versuchte ich mich matt zu wehren.

„Springen!“, half Lisa meiner vertrottelten Intelligenz im wahrsten Sinne des Wortes auf die Sprünge.
„Lass das!“, schnell wollte ich sie packen. Doch meine Dreijährige hatte schon wieder eine neue Idee: sie spielte fangen. Allerdings ohne Fänger. Ich spielte nämlich nicht mit. Lisa hüpfte auf das Sofa und wieder runter. Sie rannte drum herum um gleich darauf wieder hinauf zu klettern und mit ihrem Fitnessprogramm von vorne zu beginnen.

Wenn ich das jeden Tag tun würde, wäre ich binnen einer Woche um zehn Kilos leichter und mein Babyspeck endlich verschwunden. Stattdessen saß ich lieber vor der Glotze und stierte auf das langweilige Fernsehprogramm. Ich zappte mit der Fernbedienung hin und her, während Lisa pausenlos rief: „Fang mich doch, fang mich doch!“

Sie wurde nicht müde und wollte partout nicht begreifen, dass ich nicht mitspielte. Stattdessen zerrten die Sprungfedern gefährlich an meinen Gehirnnerven.
„Lisa nein, Mama müde, nicht spielen.“, sogar in der Wortwahl passte ich mich der meines Kindes an. Mir war heute gar nicht nach intellektuellen Hochflügen. Kein Wunder: starben doch bei jedem Sprung ungefähr tausend meiner Gehirnzellen ab. Ein ganzer Satz stellte eine übergroße Herausforderung an mich dar, vor allem da es um die Kommunikation mit meinem Kind ging.

Wo war eigentlich der Erzeuger dieses spielwütigen Kindes? Konnte der nicht nach Hause kommen und sich um seinen Nachwuchs kümmern? Seufzend zappte ich mich weiter durch die Programme, während Lisa noch immer wie ein wild gewordener Gummiball durch das Wohnzimmer schoss. Endlich kam der Papa nach Hause. Zumindest hatte er Pizza mitgebracht. Wir fütterten unser Energiebündel mit Fastfood aus der Pappschachtel. Trotzdem wollte sie immer noch spielen. Ich werde die Fastfood-Hersteller verklagen. Sollte man mit Fastfood nicht antriebsarm und konsumorientiert werden? Unsere Lisa war so quirlig wie vor dem Essen und am Fernsehprogramm war sie auch nicht interessiert. Nicht mal am Sandmännchen!

Doch wir würden uns von unserer Tochter nicht erpressen lassen! Wir schauten weiter unsere Fernsehsendungen. Da kam auch irgend so eine Erziehungssendung, in der gezeigt wurde, wie Eltern mit ihren Kindern spielen sollten. Höchstinteressant! Komisch, dass es immer wieder Eltern gibt, die mit ihren Kindern nicht spielten, die das tatsächlich erst lernen mussten. Dabei ist das doch das einfachste von der Welt.
In den Nachrichten kam ein Bericht über Hochwasser.

Die Katastrophe hatte bedenkliche Ausmaße angenommen. Fasziniert starrte ich auf den Bildschirm. Schlimmer als bei der Sintflut versank alles in einem unendlichen Ozean. Das Wasser stieg und stieg. Entsetzt schaute ich mich um. Es stand schon bis zum Sofa. Es stieg und stieg… Eilig krempelte ich mir die Hose hoch. „Lisa, wo bist du!“, schrie ich aufgeregt und watete in die Küche.

Dort stand meine hochbegabte Tochter auf einem Stuhl an der Spüle, die sie mit einem Stöpsel verschlossen hatte. Sie beobachtete das laufende Wasser und rief begeistert: „Meer!!“

Meine Begeisterung hielt sich extrem in Grenzen. Spielen war ganz offensichtlich nicht nur ausgesprochen langweilig, sondern auch äußerst gefährlich. Das hatten die in ihrem dämlichen Erziehungsfernsehen natürlich nicht gesagt. Wir brauchten ein Jahr um das Meer wieder aus unserer Wohnung zu vertreiben. Das Wasser hatte sogar unseren geliebten Fernseher lahm gelegt. Die Verzweiflung trieb uns schließlich zum Äußersten. Wir spielten mit Lisa.

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  • Erstellt von Katja In der Kategorie Allgemein am 10.10.2011 22:28:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 10.10.2011 22:28
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