Nein, meinen Spinat ess ich nicht!

Nein, meinen Spinat ess ich nicht!

09.10.2011 00:36

Meine Lisa will nicht essen! Die kleine rosa Zunge presst sich hartnäckig gegen den Löffel. Dabei ist Lisa so ein süßes, niedliches Baby. Sie hat die wunderbarsten und weichsten Speckröllchen der Welt! Und dann nicht essen! Das passt doch gar nicht!
Was mache ich nur mit meinem gesunden Spinat? Wo der doch sooo viel Eisen hat? Das weiß ich noch von meiner Mutter – und die wusste es von ihrer. Ist doch klar, dass das stimmt! Ein Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde, kann gar nicht falsch sein!

„Jetzt iss endlich!“, höre ich mich brüllen, obwohl mein Verstand heftig argumentiert, dass ich Lisa ihre eigene Entscheidung treffen lassen muss. Aber was kümmert mich mein Gerede über moderne pädagogische Ansätze, wenn mich mein Nachwuchs nervt! Stattdessen steigere ich mich weiter hinein: „Weißt du eigentlich wie viel Arbeit so ein Spinat macht? Erst muss man ihn anbauen, dann gießen, man muss ihn ernten und waschen, bevor man ihn endlich kochen kann!“ Dann schleudere ich ihr mein größtes Argument an den Kopf: „ Ich habe ihn extra für dich aufgetaut!“

Lisa schaut nicht so, als ob sie das irgendwie beeindruckt. Fassungslos registriere ich, dass es sie nicht interessiert, ob ich den Spinat beim Supermarkt um die Ecke, oder auf dem Mond eingekauft habe.
Natürlich: sie ist ja auch nur ein vierzehn Monate altes Kleinkind. Aber sie muss den Spinat ja auch nicht einkaufen, sie muss ihn einfach nur essen! Das ist doch nicht zu viel verlangt!

Jetzt habe ich mich in Rage geredet. „Weißt du eigentlich wie viel Menschen es gibt, die sich alle Finger nach dem guten Spinat ablecken würden?“ Wie auf Kommando patscht Lisa mit ihren Händen in die grüne Pampe und hält mir die Hand hin. „Ablecken!“, fordert sie. Ich schaue sie irritiert an und stelle fest, dass wir ein Kommunikationsproblem haben. Das fängt ja früh an, seufze ich innerlich. Doch ich lasse mich nicht vom Ziel abbringen: Lisa soll essen! „Im Krieg haben wir alle gehungert!“, nehme ich gedankenlos meinen vorhergehenden Monolog wieder auf. „Wir waren ausgemergelt und völlig entkräftet. Wenn uns da einer Spinat gegeben hätte…!
Dabei konzentriere ich mich so sehr auf den Löffel, den ich jetzt mit sanfter Gewalt in Lisas Mund schiebe, dass ich gar nicht merke, welchen Blödsinn ich gerade verzapfe. Hatte ich jemals im Krieg gehungert? Nein. Stattdessen habe ich vollkommen automatisch die Worte meiner Oma übernommen. Denn sie hatte früher genau mit diesen Sprüchen ihren Spinat an mich verfüttert – und der war noch selbst gekocht, nicht der leckere Tiefkühlspinat mit dem Blubb.

Statt widerstandslos in Lisas Mund zu gleiten, trifft mein Löffel auf Lisas Zunge. Die schiebt den Löffel aus dem Mund. Lisa hustet und spuckt. Anstatt schuldbewusst den restlichen Teller leer zu essen, schaut sie mich auch noch ganz empört an, als ich mir den labbrigen Tiefkühlspinat aus dem Gesicht wische.
Lisa sieht mich mit einer Leidensmiene an, so als hätte ich gerade beschlossen, sie auf einer einsamen Insel auszusetzen. Damit liegt sie nicht ganz verkehrt. Zugegeben der Gedanke kommt mir gerade. Mit einer Maske aus grünem Spinat im Gesicht denkt man so was.

In meiner persönlichen Liste, mit den Dingen, die ich nie erleben wollte, wurde soeben Punkt 1 „dass mir ein Felsblock auf den Kopf fällt“ durch „dass mir ein Kleinkind Spinat ins Gesicht spuckt“, ersetzt.

Eigentlich glaube ich, die Situation wäre nicht mehr steigerungsfähig. Aber mit dem sicheren Instinkt der Kleinkinder, findet Lisa eine zusätzliche Variante. Sie patscht mit ihren fleischigen Babyhändchen mitten hinein in das grüne unschuldige Essen. Im selben Moment klebt auch schon die ganze Pampe an meiner Bluse, der Jeans, dem Tisch und dem Fußboden. Nur Lisa selbst hat fast nichts abbekommen. Sie trägt ja auch einen Latz. Meine Laune sinkt unterhalb des Gefrierpunkts.

Die einsame Insel erscheint mir immer verlockender.
Ist Kindsaussetzung eigentlich strafbar? Ich überschlage meine Chancen auf mildernde Umstände. Das Bespucken mit Spinat kann ich schließlich nicht einfach so hinnehmen. Mit einem guten Anwalt bekomme ich auf jeden Fall Bewährung. Erleichtert will ich schon aufseufzen – die Lösung greifbar vor Augen! Da fällt mir ein, dass ich dann ja trotzdem dieses Suppenkaspar-Baby am Hals habe!

Vielleicht soll ich lieber bei Ebay ein Inserat aufgeben: „Spucktüchtiges und künstlerisch kreatives Baby zu verschenken!“ Dass sich die Kreativität auf das Herumschmieren von Essen bezieht, werde ich einfach verschweigen. Ein Rückgaberecht muss ich natürlich ausschließen. Das Herumspucken von Grüngemüse habe ich in den Vertragsbedingungen von Ebay nicht als Reklamationsgrund gefunden. Das stimmt mich optimistisch. So habe ich noch eine reelle Chance, dieses quengelnde, trotzige Kleinkind loszuwerden, das sich gegen den nächsten Löffel schon wieder energisch zur Wehr setzt, indem es mit beiden Händen demonstrativ meinen Arm wegschiebt. Jetzt verzieht sie auch noch weinerlich das Gesicht und plärrt lautstark!

Ist es eigentlich besser ein Baby zu verschenken, oder es auszusetzen? Nur so rein rechtlich gesehen. Ich komme ins Grübeln. Nachdenklich schiebe ich mir den nächsten Löffel Spinat selber in den Mund. Dabei komme ich auf meine erste Idee zurück: Die einsame Insel. Nicht für mein Baby. Nein. Sondern für mich selber!! Insel ich komme!

Einstellungen
  • Erstellt von Katja In der Kategorie Allgemein am 09.10.2011 00:36:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 09.10.2011 00:36
Beliebteste Blog-Artikel Artikel empfehlen
Andere Artikel dieser Kategorie, die für Sie interessant sein könnten: Neueste Artikel der Kategorie Allgemein

Melden Sie sich an, um die Kommentarfunktion zu nutzen


disconnected Foren-Chat Mitglieder Online 0
Besucht uns auch bei



Xobor Xobor Blogs