Endlich sauber!

Endlich sauber!

08.10.2011 19:49

Kleine Kinder nerven. Ich wusste es schon, bevor ich geheiratet habe. Dann war ich verheiratet und es änderte sich nichts. Kleine Kinder nerven. Freundinnen bekamen Kinder. Doch ich wusste es: Kleine Kinder nerven. Größere erst recht. Wir brauchten keine Kinder. Doch dann kam der Tag: ich war schwanger.
Von da an war alles anders: Kleine Kinder sind sooo süß! Als unsere Lisa auf diese Welt kam, wurde diese Welt freundlicher und wärmer. Sie entwickelte sich zu dem süßesten Baby des ganzen endlosen Universums. Irgendwann fing dieses Super-Baby zu laufen an und wir waren die glücklichsten Eltern Deutschlands. Sie hat es wirklich geschafft und die allerersten Schritte hinter sich gebracht. Auf zugegeben, noch sehr wackeligen Beinchen, aber immerhin! Unsere Bewunderung kannte keine Grenzen: Toll Lisa! Das hast du wirklich ganz super super gemacht!“, jauchzten wir begeistert. Und damit unser Wonneproppen-Baby uns auch wirklich verstand, fügten wir ein babygerechtes: „Gelaufen – du – super!“, hinzu.
Lisa warf uns einen überraschten Blick zu. Sie wollte eigentlich nur zu dem bunten Bilderbuch auf der anderen Seite des Tisches. Ihr war anscheinend gar nicht klar, dass sie soeben dabei war, Deutschlands Superstar-Wunderkind zu werden. Für sie war es vielleicht nur ein kleiner Schritt, aber es war ein riesengroßer für die Menschheit! Mein Mann und ich waren uns einig: Noch nie gab es ein Kind, das so tolle erste Schritte zurücklegte wie unsere Lisa. So gekonnt, so einzigartig.
„Ballarinamäßig!“, kommentierte es mein Mann.
„Eine wirklich ausgesprochen präzise Schrittführung!“, setzte ich eins drauf.
„Dann dieser Hüftschwung! Hast du gesehen…hast du gesehen!“, jedes Wort meines Mannes sprudelte vor stolz auf seine Tochter.
„Wie sie die Knie anzieht…“, begann ich.
„… und den Fuß nach vorne setzt.“, lobte mein Mann.
„Und dieses Wackeln! Sooo süüüß“, schwärmte ich.
Diese absolute Sensationspremiere lag inzwischen gut zwei Jahre zurück und unser elterlicher Überschwang pendelte sich schon seit einer Weile auf Normalmaß ein. Natürlich wusste ich, dass es kein entzückenderes Kleinkind gab als unsere Lisa. Ich wusste aber auch, dass sie die einzige Dreijährige war, die noch immer in die Windeln machte. Vorbei die Zeiten, als ich mich als Supermutter eines Wunderkindes fühlte, das mit immerhin zwölf Monaten die ersten Schritte hinaus in ein feindliches Leben machte. Und ich fragte mich oft, ob das auch daran lag, dass andere Mütter die Genialität, die außerordentliche Begabung meiner Lisa einfach nicht anerkennen wollten.
Wenn ich in der Krabbelgruppe vor Stolz fast platzend erwähnte: „Mein Kind läuft“, musterten mich die übrigen Mütter herablassend. Wenig wohlwollend fielen sie mir ins Wort: „Mein Jens geht schon aufs Töpfchen“. Dabei blieb ihr stechender Blick auf dem Windelpaket an Lisa’s Hintern hängen. Als ob diese Ankündigung nicht schlimm genug wäre, nein sie wurde noch begleitet von den Worten. „Er ist erst eineinhalb.“
Wie gesagt, Lisa wurde eineinhalb, sie wurde zwei und schließlich drei Jahre alt. Doch auch mit 36 Monaten weigerte sie sich noch immer eine Toilette zu benutzen. Sie war das allerliebste Kind. Sie spielte viel und plapperte munter vor sich hin. Nur wenn wir mit ihr versehentlich am Bad vorbeigingen, fing sie sofort an zu plärren. „Nicht Ko gehen. Nein, nicht Klo gehen!“
Alle Mütter in meiner Krabbelgruppe hatten es inzwischen geschafft, ihr Kind auf den Topf zu kriegen. Alle! Nur ich war die einzige Versagerin! Ich kam mir vor wie eine Aussätzige. Immer wieder wurde ich angesprochen. „Ist Lisa endlich sauber?“
Nachts träumte ich davon. Ich sah meine Tochter als einzige, die nicht mit ins Schullandheim fuhr, weil sie noch nicht sauber war. Wahrscheinlich ist meine Tochter die erste, die noch Windeln trägt, wenn sie mit ihrem Freund zusammenzieht.
Nachts im Traum sah ich die Apokalypse direkt auf mich zurasen. Die Pampers, die meine Tochter verbrauchte, summierten sich zu einer Billionenzahl und stapelten sich höher als der legendäre Turm zu Babel. Irgendwann stieß er an den Himmel, fiel in sich zusammen und die Teile bedeckten die ganze Welt. Auch der Pamperskonzern wurde unter lauter Windeln begraben. Der Konzernchef kroch unter der unappetitlichen Hinterlassenschaft hervor und versprach kostenlose Windeln für fünf weitere Kinder, wenn ich meine Tochter dazu brächte, ab sofort aufs Töpfchen zu gehen. „Sie soll aufs Klo gehen!“, schrie er mir ins Ohr. „Klo gehen, Klo gehen!“ Er brüllte so laut, dass ich davon aufwachte. Lisa stand neben mir, rüttelte mich und quengelte: „Klo gehen!“
Tja, manchmal werden Träume eben wahr!

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  • Erstellt von Katja In der Kategorie Allgemein am 08.10.2011 19:49:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 08.10.2011 19:49
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